Rohingya: Kein Raum in der Herberge

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machten sich auch Josef und Maria auf den Weg. Ob sie wollten oder nicht: hochschwanger und zu Fuß brachen sie auf zur mehrtägigen Wanderung nach Bethlehem, der Familienheimat Josefs, der aus dem Hause und Geschlechte Davids war.

Flucht vor einem „anhaltenden Völkermord“

Am 4. Dezember 2020 verließen 1.600 Rohingya-Flüchtlinge den Hafen von Chittagong in Bangladesch. Ob sie wollten oder nicht: per Schiff wurden sie zu einer abgelegenen Insel vor der Küste gefahren. Die Heimat ihrer Familien liegt in Myanmar – in der anderen Richtung. Von dort waren sie vor drei Jahren zu Hunderttausenden über die Grenze geflohen.

Knapp eine Million Rohingya leben seitdem in Bangladesch, die meisten von ihnen im weltgrößten Flüchtlingslager Kutupalong bei Cox´s Bazar. Zurück in ihre Heimat wollen die wenigsten. Denn die Ursachen ihrer Flucht bestehen nach wie vor, UNO-Ermittler beschreiben die Gräueltaten als „anhaltenden Völkermord“.

Kinderhände beim Spiel
In einem Schutzzentrum im Geflüchtetencamp Kutupalong verarbeiten Kinder die Erinnerung an die Gräuel der Flucht.
Abschiebung auf unbewohnte Insel

Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. 

1.600 Menschen: Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer wurden zur Insel Bhasan Char gefahren. Im Lager in Kutupalong hatten die Rohingya Schutz vor Gewalt und Verfolgung gefunden. Trotz der Enge, die dort herrscht, trotz der einfachen Hütten und der schlichten Versorgung bot ihnen das Lager drei Jahre lang sichere Herberge. Jetzt, so heißt es, ist kein Raum mehr in der Herberge. Nicht für die 1.600 Menschen, die bereits übersiedelt wurden. Nicht für viele andere.

Eine Reihe von jungen Rohingya mit einer Frau mit Kinde auf dem Arm im Vordergrund
Geflüchtete Rohingya sammeln sich im Camp.

Bald sollen 100.000 Rohingya auf der Insel leben. Die tauchte erst vor zwanzig Jahren aus dem Meer auf. In Monsunzeiten wird sie immer wieder überschwemmt. Nun, heißt es, soll sie durch einen drei Meter hohen Deich vor den Fluten geschützt sein. Unterkünfte wurden dort errichtet, ein Spital, eine Moschee. Ob die Insel aber bewohnbar ist, weiß keiner. Denn darauf gelebt hat vor den Rohingya noch nie jemand.

Welttag der Migranten

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Herden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

Der 18. Dezember 2020 ist der Internationale Tag der Migranten. Vor genau 20 Jahren hat die UNO diesen Tag ausgerufen. Damals wurde die Internationale Konvention zum Schutz der Rechte aller Migranten und ihrer Familienangehörigen von der Vollversammlung der Vereinten Nationen angenommen.

Aktuell zählen weltweit 272 Millionen Menschen als Migranten. 70 Millionen von ihnen sind Flüchtlinge, die ihr Land nicht freiwillig verlassen haben. Auch die Rohingya kamen nicht freiwillig nach Bangladesch, sondern flohen vor Mord und Verwüstung.

Die Zukunft der Rohingya ist ungewiss

Es gibt Anzeichen dafür, dass viele Rohingya auch jetzt ihrer Umsiedlung auf die Insel nicht freiwillig zugestimmt haben. Oder dass sie mit Falschinformationen dazu gebracht wurden, sich dafür zu melden. Die Vereinten Nationen sind nach eigenen Angaben vor Beginn der Umsiedlung nicht wie erhofft konsultiert worden.

In der biblischen Weihnachtsgeschichte erscheint den Hirten auf dem Feld mitten in der Nacht ein Engel. Er bringt ihnen die beste aller Nachrichten: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.

Im Lager Kutupalong erwarten die nächsten Familien ihren Umsiedlungsbescheid.

Entwurzelt und traumatisiert: Unter den Migranten sind Geflüchtete besonders schutzbedürftig.

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Autor: Katrin Weidemann

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