Sehen und gehen! Ein Europa mit Gipsbein

„Das Fenster zum Hof“ ist ein Filmklassiker von Alfred Hitchcock. Der Fotoreporter Jeff ist wegen eines Gipsbeins handlungsunfähig. Er glaubt aber, gesehen zu haben, dass ein Nachbar von gegenüber seine Ehefrau ermordet hat. Dass er etwas gesehen hat, glaubt ihm zunächst niemand. Er sieht etwas, aber er kann nichts tun. Ohne aktiv werden zu können, nutzt ihm seine Beobachtung nichts. Das wird ihm später fast selbst zum Verhängnis. Was das mit Europa und unserem Umgang mit Geflüchteten zu tun hat?

Sehen allein bringt noch nichts

Seit Monaten beobachten wir, wie Tausende Migranten vor Griechenlands Grenzen auf Einlass nach Europa hoffen. An der türkisch-griechischen Grenze.  In der Ägäis. Wir beobachten, wie in den Flüchtlingslagern der griechischen Inseln, mitten in der EU, ein Elend herrscht, das nicht vorstellbar ist. Mangelnde Hygiene, fehlender Schutz vor der Kälte, Krankheiten, sexualisierte Gewalt – es sind mittlerweile unhaltbare Bedingungen. Kinder, Schwangere, alleinstehende Frauen, Kranke und Ältere leiden besonders. Die unbegleiteten Kinder, die im Lager Moria hausen, bekommen nicht einmal Matratzen und Zelte zugewiesen. Manche verlernen zu reden und zu laufen, Freunde zu finden und zu spielen. Größere Kinder begehen vermehrt Selbstmord. Mindestens tausend sind es, die ohne einen Familienangehörigen dort leben. Spezielle Betreuung gibt es nur für einen Bruchteil von ihnen. Die meisten suchen Unterschlupf bei anderen Geflüchteten und sind Übergriffen ausgesetzt.

Ach, mein Gipsbein

Wie mit einem Fernglas sitzen wir in Europa, in den Ländern der EU, und schauen dorthin. „Mein Gipsbein“, heißt es entschuldigend, wenn wir nicht tätig werden, und wir meinen damit, dass Deutschland auf keinen Fall einen nationalen Alleingang machen möchte. Aber das Warten auf DIE europäische Lösung dauert zu lang. Für die vor Krieg und Gewalt Geflüchteten ist es eine Frage des Überlebens.

Das Warten auf Recht und Menschlichkeit, mitten in Europa

Die Hotspots auf den griechischen Inseln wurden ursprünglich als „vorübergehende und außerordentliche Maßnahme“ eingerichtet. 8.000 Bewohner sollten in den Lagern auf den Inseln der östlichen Ägäis Platz finden. Mittlerweile leben dort über 42.000 Menschen. Allein auf Lesbos drängen sich im Lager Moria fast 20.000 Menschen, Kapazitäten gibt es für weniger als 3.000 Menschen.  Das Elend ist zur Normalität geworden in den Lagern. Und die Rechtlosigkeit. Das Asylrecht – ausgesetzt! Hier werden ein Grundrecht, Flüchtlingskonvention und EU-Verträge mit Füßen getreten. Ein fundamentaler Rechtsbruch, mitten in Europa.

You hold the line

„Eure Sorgen sind unsere Sorgen“, sagte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, bei einem Besuch an der türkisch-griechische Grenze. Sprach von Migrationsmanagement. Was sie meinte, war: die Lieferung militärischen Materials zur Abwehr wehrloser Kinder, Frauen und Männer. 700 Millionen Euro wird die EU an „Soforthilfe“ zahlen – nicht um sofort zu helfen, sondern um Europa Menschen vom Hals zu halten, die auf der Flucht sind. Von der Leyens Dank galt den griechischen Grenzschützern, die sie, wie sie bekräftigte, auch mit deutschen Polizisten unterstützen will. Aus Solidarität mit Griechenland.  „You hold the line“ihr haltet die Stellung! Ein Feldherr hätte es nicht anders ausgedrückt.

Brennende Plastiksäcke in einem Geflüchtetenlager auf Lesbos
Gewalt gegen Geflüchtete: In den Lagern auf Lesbos herrschen Unsicherheit und Angst
Was Jesus nie gesagt hat

Was Jesus nie gesagt hat: Helft den Hungrigen, aber nur wenn sie Papiere habe. Bekleidet die Nackten nur, wenn sie aus eurem Land kommen. Heißt Fremde nur willkommen, wenn es dabei null Risiko gibt. Helft den Armen nur, wenn es grad passt. Liebe deine Nächsten nur, wenn sie so aussehen wie du.

Ein erster Schritt mit Gips

Hin- und hergerissen zwischen aufgeklärter Hilfsbereitschaft einerseits und Ratlosigkeit, Abwehr und Hetze andererseits haben wir hier in Europa viel zu lange zugesehen. Haben unsere Bereitschaft zu helfen abhängig gemacht von einer Politik, die nicht mit entschlossener Humanität agiert, sondern mit Ausreden.

Die europäische Lösung, auf die immer verwiesen wird, kommt noch nicht zusammen? Dann lasst uns eine Solidarität der Wenigen starten! Städte und Gemeinden mit Aufnahmewillen stehen bereit und können schon jetzt dafür sorgen, Kinder in Sicherheit zu bringen. Solange wir keine gesamteuropäische Lösung haben, die alle umfasst, beginnen wir bei unbegleiteten minderjährigen Migranten mit einer „Koalition der Willigen“!

Auf die haben sich die Spitzen der schwarz-roten Koalition gerade geeinigt: ein „angemessener Anteil“ von besonders schutzbedürftigen Kindern und Jugendlichen soll aufgenommen werden, heißt es. Wir als Christen fordern: Lasst uns so viele wie möglich aufnehmen. Denn die Zeit drängt für einen ersten humpelnden Schritt, mit Gips.

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Autor: Katrin Weidemann

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