In Berlin mit Bill Gates

Er „bewegt die Welt als Kämpfer für eine bessere und gerechtere Welt“. Fast schon euphorisch kündigt Bundesminister Dr. Gerd Müller seinen Gesprächspartner an. Über Innovationen und zukunftsfähige Lösungen für die globalen Herausforderungen unserer Zeit will er mit ihm diskutieren. Im Audimax der TU Berlin verfolgen gut 1000 Studierende, Abgeordnete des Bundestags und Vertreter*innen von NGOs wie ich, was Bill Gates unter #healthyfuture versteht. Und das ist durchaus interessant. Der Milliardär und Philanthrop Gates, der mit seiner Firma Microsoft zu den wichtigsten Ideengebern der digitalen Revolution gehörte, widmet sich mittlerweile als Co-Vorsitzender der Bill & Melinda Gates Stiftung einem großen Ziel: Das Leben von Menschen zu verbessern.

Warum Afrika?

Dabei fokussiert der Mann aus Seattle, das macht er schnell klar, vor allem auf die Zukunft Afrikas. Warum Afrika? Nirgends, zitiert er, wächst die Bevölkerung so sehr wie dort. 60% der Afrikaner*innen sind jünger als 25 Jahre. Prognosen sagen bis 2050 eine Verdoppelung der Einwohnerzahl auf dem Kontinent voraus. Gleichzeitig bedrohen Hunger, Klimawandel und kriegerische Konflikte die Menschen in vielen Ländern des Erdteils. In der Analyse stimmt Minister Müller seinem Gast zu und verweist gleichzeitig auf den großen Anteil, den westliche Länder bei dieser Entwicklung haben. „Wir haben eine neokoloniale Zeit kreiert“ bekennt er und nennt als Beispiel den Raubbau und die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen beim Abbau von für die Handyproduktion benötigtem Koltan im Kongo. „Die Ressourcen des afrikanischen Kontinents sind die Basis für unseren Reichtum. Aber die Verteilung ist ungerecht.“ Jetzt sei die Zeit, Verantwortung zu übernehmen und entschlossen zu handeln. Ich bin ganz bei ihm.

Hunger ist Mord wegen unterlassener Hilfeleistung

Den Kampf gegen die Mangelernährung sehen sowohl Müller als auch Gates als größte Herausforderung. Hier solle Entwicklungszusammenarbeit zuerst ansetzen. „Hunger ist Mord wegen unterlassener Hilfeleistung.“ bringt es der Minister auf den Punkt. Gates verweist auf die Langzeitfolgen bei mangelernährten Kindern. „Kids who survive malnutrition don‘ t develop physically and mentally properly“. Ja, der Schutz vor Hunger und das Recht auf ausreichende Nahrung sind auch Ziele in einer Vielzahl von Kindernothilfe-Projekten.

Um jeden Euro betteln

Angesichts der gewaltigen globalen Herausforderungen brauche es, da sind sich die beiden Männer auf dem Podium einig, mehr Anstrengungen. Und deutlich mehr Mittel. 1700 Milliarden USD würden weltweit jährlich in Rüstung investiert, rechnet Müller. Und 160 Milliarden USD flössen in die Entwicklungshaushalte. Seine Forderung: Dass weltweit in den Haushalten der Nationen die Ausgaben für Verteidigung und Entwicklung 1:1 auf einem Niveau liegen. Er richte diese Nachricht direkt an Finanzminister Olaf Scholz. Die aktuellen Haushaltsverhandlungen mit dem seien schwierig, so Müller. „Ich kann nicht verstehen, dass ich da um jeden Euro betteln muss.“ ruft er in den Saal. „Da brauche ich Ihre Unterstützung. Habe ich die?“ Anhaltender Applaus antwortet.

Der Chancenkontinent

Bei allen Herausforderungen: Beide sehen Afrika auch als „Chancenkontinent“. Vor kurzem hat der Entwicklungsminister mehrere afrikanische Staaten besucht. Die junge Bevölkerung könne die Flexibilität der digitalen Technik dort wie selbstverständlich nutzen, beobachtete er. Genau das sei ihre Chance: Wenn Studierende in Afrika die Möglichkeiten der Digitalisierung intensiv nutzten, um noch besseren Zugang zu Bildung zu bekommen, wenn Universitäten sich weltweit online vernetzten, dann würde ein fairer Wettbewerb starten, der (darauf habe er gewettet!) dafür sorge, dass künftig Nobelpreise von der jungen afrikanischen Generation abgeräumt würden.

Bill Gates sieht es ähnlich. Er selbst hat zwar nach zwei Jahren sein Studium an der Harvard University abgebrochen. Aber Bildungsarbeit sei grundsätzlich ein besonderer Schwerpunkt seiner Stiftung. Besonders die junge Generation sei gefordert, mit Forschung und Lehre Afrika voranzubringen.

Es braucht eine globale Energiewende

Abschließend wird noch die Frage der Energie diskutiert, eine wichtige Grundlage von Entwicklung. Minister Müller macht eine Rechnung auf: Würde jeder Haushalt in Afrika in den nächsten 20 Jahren mit dem Energienetz verbunden, rechnet er, bräuchte es 1200 Kohlekraftwerke – ein ökologischer Wahnsinn. Daher müsse der Fokus ganz klar auf Clean Energy liegen, dem Ausbau erneuerbarer Energien. Auch hier lässt sich nur zustimmen.

Ein lebhaftes Gespräch, ein aufgekratzter Minister und ein engagierter Philanthrop, den sein Gegenüber als Vorbild bezeichnet – für mich ein durchaus lohnender Abend. Dass es durchaus auch einige Kritik an den Investments der Gates Stiftung gibt, Kritik auch an Methoden wie Gentechnik und Genmanipulation, mit denen Bill Gates den Hunger in Afrika bekämpfen will, all das wird beim Gespräch im Audimax nicht thematisiert. Schließlich kann Gates tatsächlich einiges bewirken, wie die erhebliche Eindämmung von Krankheiten wie Aids, Polio oder Malaria zeigt. Und Minister Müller kann sich über zusätzliche Mittel für sein Ministerium freuen. Seit 2017 kooperiert die Stiftung mit dem BMZ.

Autor: Katrin Weidemann

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