Indien: Wie Wünsche zu Zielen werden

Kein Recht auf Land, kein Recht auf Versorgung, kein Recht auf Papiere: Für die indischen Behörden existieren Rosina und die Frauen aus ihrer Selbsthilfegruppe eigentlich gar nicht. Trotzdem kämpfen sie erfolgreich dafür, die Lebenssituation ihrer Familien zu verbessern. Wie? Indem sie Wünsche zu Zielen machen und diese gemeinsam umsetzen.

Wenn Wünsche zu Zielen werden: Die gemeinsamen Erfolge lassen sie schon zuversichtlicher in die Zukunft blicken: Frauen einer Selbsthilfegruppe in einem Slum in Kalkutta, Indien
Die gemeinsamen Erfolge lassen sie schon zuversichtlicher in die Zukunft blicken: Frauen einer Selbsthilfegruppe in einem Slum in Kalkutta, Indien

Die Frauen leben auf unsicherem Grund. Allein schon der Weg zu ihnen ist gefahrenvoll. Um den Slum, den ich heute in einem Außenbezirk Kalkuttas besuche, zu erreichen, muss ich einen hohen, zweigleisigen Bahndamm überqueren. Momentan ist kein Zug in Sicht, zusammen mit den anderen Erwachsenen unserer kleinen Besuchsgruppe komme ich heil auf der anderen Seite an. Für Kinder und ältere Personen, erfahre ich später, erweist sich die Bahntrasse mitunter als gefährliche Todesfalle.

wenn Wünsche zu Zielen werden: Wer den Slum, in dem Rosina wohnt, erreichen will, muss diesen Bahndamm überqueren.
Wer den Slum, in dem Rosina wohnt, erreichen will, muss diesen Bahndamm überqueren.
Leben in Unsicherheit

Der Slum selbst ist auf Marschland errichtet, auf sumpfigem Gelände am Ufer eines brackigen Gewässers, das in der Regenzeit schnell über die Ufer steigt und das Gelände hüfthoch überschwemmt. Mein Besuch fällt in die Trockenzeit, dennoch merke ich bei jedem Schritt auf den schmalen Wegen der Ansiedlung, wie der Boden elastisch mitfedert, an manchen Stellen schmatzende Geräusche von sich gibt. Unsicherer Grund.

Gut fünf Minuten schlängeln wir uns auf den Pfaden zwischen den Hütten aus Bambus, Holz und Plastikplanen hindurch. Die Menschen, die hier wohnen und dem Land ihren Lebensraum abringen, sind Flüchtlinge. Sie stammen aus dem angrenzenden Hinterland, aber auch aus anderen Landesteilen und benachbarten Staaten wie Bangladesch. Was sie hierher treibt, sind Armut, Perspektivlosigkeit und die große Hoffnung, ihren Kindern mehr als Lohnknechtschaft und ein Leben auf der Straße zu bieten.

Wenn Wünsche zu ZIelen werden - Leben auf unsicherem Grund: Das Marschland wird regelmäßig überschwemmt, der Staat erkennt die Siedlung nicht an und damit auch nicht die Rechte ihrer Bewohner.
Leben auf unsicherem Grund: Das Marschland wird regelmäßig überschwemmt, der Staat erkennt die Siedlung nicht an und damit auch nicht die Rechte ihrer Bewohner.
Es geht nur gemeinsam

Diese Wünsche sind gleich zu Beginn unseres Treffens Thema. Zwölf Frauen und ein halbes Dutzend Kinder erwarten uns schon. In einer Baulücke zwischen den Behausungen sitzen sie im Kreis auf einer großen schwarzen Plastikplane, die den feuchten Boden bedeckt. Sie wurde, erfahre ich später, von der Gruppe gemeinschaftlich angeschafft, und dient ihnen als trockener Untergrund bei ihren Treffen, genauso wie auch anderen Gruppen, an die sie die Plane regelmäßig vermieten und damit Einkommen generiert.

Eine der Frauen begrüßt uns mit dem üblichen Bindi, einem Tupfer aus Pulverfarbe auf die Stirn. Dann stellen sie sich und ihre Gruppe vor. Ichcha (gesprochen Itschka), diesen Namen haben sie für sich gewählt. „Das ist das Hindi-Wort für Wunsch, für ein tiefes Verlangen“ erklärt Rachel, die uns aus dem Büro der Partnerorganisation begleitet. Und übersetzt dann das Gespräch, in dem die Frauen ihre Wünsche, ihre Ichcha schildern.

Seit Jahren leben die meisten von ihnen hier in diesem Slum. Er gehört zu den 2500 Armutssiedlungen, die von der Regierung nicht anerkannt und deshalb nicht registriert sind. Für die Bewohnerinnen und Bewohner heißt das, dass sie keinerlei Rechte haben: kein Recht auf das Land, kein Recht auf Versorgung, Sicherung, auf offizielle Anerkennung und Papiere. Sie leben auf unsicherem Grund. Das zu ändern ist ihr großes Anliegen.

Wenn Wünsche zu Zielen werden: Durch das Engagement der Selbsthilfegruppe haben sich die Lebensbedingungen schon ein wenig verbessert. Die schwarze Plane, auf der die Frauen sitzen, wird gegen Gebühr auch an andere Gruppen vermietet.
Durch das Engagement der Selbsthilfegruppe haben sich die Lebensbedingungen schon ein wenig verbessert. Die schwarze Plane, auf der die Frauen sitzen, wird gegen Gebühr auch an andere Gruppen vermietet.
Eine lange Wunschliste

Unterstützt werden sie dabei von den Mitarbeitenden unserer Partnerorganisation. Sie kamen vor zwei Jahren erstmals auf die Frauen zu, luden sie ein, das Prinzip der Selbsthilfegruppe kennenzulernen. „Wir waren sofort dabei“, erzählt eine junge Mutter  im pinken Schaltuch, die mir auf der Plastikplane gegenübersitzt. Damals starteten sie damit, ihre Wünsche zu sammeln. Gemeinsam und jede für sich überlegten sie, welche Ziele sie erreichen möchten. „Wir hatten eine sooo lange Liste“ zeigt Rosina, eine andere Mutter aus der Runde, und breitet zur Verdeutlichung lachend beide Hände aus.

Auf die wesentlichen Wünsche konnten sie sich schnell einigen. „Eigene Papiere“ stand ganz oben auf der Liste. „Selbst lesen und schreiben können“. Und: „Gesundheit“. Dass ihre Kinder bei Durchfallerkrankungen, Würmern oder Blutarmut – eigentlich vermeidbaren Erkrankungen – Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen. Dass Mütter zur Geburt in ein Krankenhaus fahren können, es Geld für die Fahrt dorthin gibt.

Eine Geburt im Hospital hat – neben der medizinischen Betreuung – noch einen zweiten bedeutsamen Aspekt: Nur Geburten im Krankenhaus werden protokolliert, d.h. nur Kinder, die dort zur Welt kommen, erhalten eine offizielle Geburtsurkunde. Und die ist wichtig, ob bei der Einschulung oder wenn es um staatliche Versorgungsleistungen geht.

Wenn Wünsche zu Zielen werden: Wer seine Kinder zur Schule schicken will, braucht eine Geburtsurkunde – keine Selbstverständlichkeit in Rosinas Slum.
Wer seine Kinder zur Schule schicken will, braucht eine Geburtsurkunde – keine Selbstverständlichkeit in Rosinas Slum.
Geburtsurkunde? „Das Problem haben wir gelöst!“

Ich kann es kaum glauben, als Rosina erzählt, dass die Berechtigungsscheine für Trinkwasser und Lebensmittel früher nur an die Männer und Jungen im Slum ausgegeben wurden. Die Frauen hatten anfangs keine ID-Karten, bekamen also auch keinerlei staatliche Leistung. Ihre bloße Existenz – so augenscheinlich sie war – zählte nicht. Rosina hebt selbstbewusst ihren Kopf. „Das Problem haben wir gelöst.“ Sie schaut in die Runde. „Wer hat mittlerweile eine Geburtsurkunde?“ Alle Frauen heben die Hand. Es war für sie ein mühsamer Weg durch die Registrierungsinstanzen. Aber ein von Erfolg gekrönter. Ziel erreicht!

Stolz rollen die Frauen Plakate aus, auf denen sie ihre Wünsche als Ziele formuliert und gesammelt haben. Wie weit sie mit der  Zielerreichung gekommen sind, das zeigen auf einem der Papierbögen vier große Smileys, die – von betrübt über neutral, von grinsend bis zu breit lachend – veranschaulichen, wie weit die Umsetzung der geplanten Maßnahmen zu den einzelnen Zielen schon gediehen ist.

Wenn Wünsche zu Zielen werden: Die meisten Anstrengungen der Mütter in der Selbsthilfegruppe richten sich auf die Kinder und ihre Zukunftsaussichten.
Die meisten Anstrengungen der Mütter in der Selbsthilfegruppe richten sich auf die Kinder und ihre Zukunftsaussichten.
Die Kinder sind stolz auf ihre Mütter

Ich bin wirklich beeindruckt von diesen Frauen, die sich trotz schwierigster Lebensumstände Schritt für Schritt für die Umsetzung ihrer Rechte und die ihrer Kinder stark machen. Und damit bin ich nicht allein. Am Rande des Kreises taucht plötzlich ein schlaksiger Jugendlicher auf, lehnt sich lässig an einen Holzpfosten und hört uns zu. Seine Mutter, flüstert mir Rachel zu, ist von Anfang an in der Selbsthilfegruppe dabei. Dann will ich den jungen Mann doch gern nach seiner Meinung fragen! Was er denn für Wünsche habe? Und was er von der Gruppe halte?

Ein bisschen erschrickt er, so direkt angesprochen zu werden. Er richtet sich auf. Also, überlegt er kurz, er geht jetzt in die siebte Klasse. Dass er wieder zurück in die Schule eingeschrieben wurde, nachdem er mehr als ein Jahr nicht hingehen konnte, das verdanke er seiner Mutter, erklärt er. Und – er grinst ein bisschen schief –, dass sie und die Gruppe die Männer motivieren konnten, die Umgebung sauber zu halten und Mülltonnen aufzustellen, das findet er klasse. Er wendet sich schon zum Weggehen, da fällt ihm noch etwas ein, das will er uns sagen. „Dass meine Mutter jetzt selbst unterschreiben kann, darauf bin ich richtig stolz“.

Wenn Wünsche zu Zielen werden: Sie wissen, was sie an ihren Müttern haben, und manchmal sagen sie es auch.
Sie wissen, was sie an ihren Müttern haben, und manchmal sagen sie es auch.
Es macht Mut, Wünsche zu verwirklichen

Bevor ich den Slum verlasse, will Rosina mir noch ihr Zuhause zeigen. Ich folge ihr an den Rand des Gewässers. Dort, neben ihrer Hütte, erzählt sie, gab es im letzten Jahr noch einen großen Abfallhaufen. Den habe sie geräumt und – mit Hilfe eines Darlehens aus der Gruppe – auf dem freien Platz einen Gemüsegarten angelegt. Aufrecht und auch ein bisschen verlegen steht sie jetzt zwischen den Tomatenpflanzen, ihren jüngsten Sohn auf dem Arm.

Ob ich nicht ein Foto von ihr machen könne, bittet sie. Und ich möge ruhig anderen Frauen von ihrem Erfolg berichten und ihnen Mut machen, ihre Wünsche zu verwirklichen. Sie habe so viel durch die Gruppe gelernt, ihrer Familie gehe es jetzt so viel besser. Im letzten Monat habe sie durch den Verkauf von Gemüse 600 Rupien verdient. Das sind, rechne ich in Gedanken um, knapp zehn Euro.

Rosina, hier mit zweien ihrer Kinder, will anderen Frauen Mut machen, ihre Wünsche zu verwirklichen.
Rosina, hier mit zweien ihrer Kinder, will anderen Frauen Mut machen, ihre Wünsche zu verwirklichen.

Auf dem Rückweg über die Gleise begegnet uns eine kleine Gruppe. „Siehst du das Neugeborene?“, fragt mich Rachel und zeigt auf ein kleines, in eine Decke gewickeltes Bündel. Die Oma trägt es vorsichtig über die Gleise, die junge Mutter klettert etwas mühsam hinterher, ihr Mann trägt eine Tasche. Das Baby, erfahre ich, ist grade mal fünf Tage alt. Der Slum, in dem es aufwachsen wird, ist nicht registriert. Das kleine Mädchen schon. Dank der Frauen von Ichcha hat das Kind eine Geburtsurkunde.

Schlagwörter: , , ,

Autor: Katrin Weidemann

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.