Indien: Alle Zeichen auf Neuanfang

Zehn Tage lang werde ich in dem Land, in dem die Kindernothilfe ihre ersten Patenschaften vermittelt hat, Projekte der Kindernothilfe besuchen. In den letzten fast 60 Jahren hat sich viel verändert in Indien – für die Menschen und für die Kindernothilfe.

Das Magazin im Flugzeug berichtet euphorisch von dem längsten „all-women crew flight“ der Gesellschaft. Am Weltfrauentag hatte ein reines Frauenteam – von der  Fluglotsin über Pilotin und Co-Pilotin bis zu den Stewardessen – eine Maschine (von nur weiblichen Passagieren stand nichts in dem Artikel) um die halbe Welt geflogen. Ich bin überrascht: Anscheinend  sind Frauen zwar als Kabinenpersonal etabliert, aber auf dem Rollfeld und im Cockpit selbst im Jahr 2017 noch eine Besonderheit und deshalb eine Meldung wert.

Von der selben Fluglinie hatte ich Anfang des Jahres gelesen, dass sie – nach einem extremen sexuellen Übergriff an Bord – spezielle Sitzplätze exklusiv für alleinreisende Frauen reservieren wolle.  Ob ich auf solch einem Frauenplatz sitze? Auf jeden Fall ist mein Nachbarsitz frei (was auch an der nur zu drei Vierteln besetzten Maschine liegen kann). Acht Stunden lang genieße ich jetzt zwischen Frankfurt und Delhi – umsorgt von einem rein weiblichen Serviceteam –  die etwas größere Bewegungsfreiheit.  Zehn Tage lang werde ich in Indien Projekte der Kindernothilfe besuchen. Werde das Land kennenlernen, in das die Kindernothilfe 1959 ihre allerersten Patenschaften vermittelte. Für mich wird es der Besuch des zehnten Kindernothilfe-Projektlands.

Unser neues Büro in Delhi wird eröffnet. (Foto: Kindernothilfe Indien)
Gemeinsam eröffnen wir unser neues Büro in Delhi

Als ich morgens um acht Uhr in Neu Delhi aus dem Flieger steige, bekomme ich eine Ahnung von den 42 Grad Celsius, die der Tag heute erreichen wird. „Mach schon mal den großen Kühlschrank an“, schreibt mit einem augenzwinkernden Smiley mein Vorstandskollege Jürgen Borchardt aus Duisburg, der mir in zwei Tagen nachreist. Ich gebe seine Bitte an die Aircondition im Hotel weiter, die vermutlich ihr Bestes gibt. Leider liegen ihre Stärken aber eher in der Akustik als in der Kühlung.

Zur Einweihung gab es Schwarzwälder Kirschtorte. (Foto: Kindernothilfe Indien)

Heute steht die Begegnung mit dem Kindernothilfe-Team vor Ort auf dem Programm. Vor einem Jahr haben wir im Rahmen einer Umstrukturierung ein eigenes Büro in Indien eröffnet. Kurz vor meiner Abreise erreichte mich die Nachricht, dass die offizielle Registrierung des Büros jetzt tatsächlich genehmigt ist. Also gibt es bei unserer Ankunft in den nagelneuen Büroräumen erstmal eine kleine Einweihungsfeier: Ich darf feierlich das Band zum Konferenzraum durchtrennen, bitte um den Segen für alle, die hier Dienst tun und auch für diejenigen, denen unser Engagement und unser Einsatz gilt. Guna, unsere neue indische Länderkoordinatorin, liest das Bibelwort von dem Kind, das Jesus als Vorbild in die Mitte stellt (Mt.18,3: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder…“). Unser indischer Programmdirektor Amit teilt seine Interpretation dazu mit uns. Und dann gibt es – nach dem Dankgebet – tatsächlich eine indische Version von Schwarzwälder Kirschtorte (Ein Kollege scherzt, dass sie bei offiziellen Anlässen der evangelischen Kirche eine ähnlich wichtige Rolle spielt wie das Weihwasser bei katholischen Ritualen).

Die gegenseitige Vorstellung, Einführung in das Länderprogramm und Absprachen für die nächsten Tage füllen den ganzen Nachmittag. Manch persönliche Details erfahre ich dann beim abendlichen Spaziergang auf dem Qutb-Minar-Areal mit seinen beeindruckenden Überresten früher islamischer Baukunst. Jeder Stein atmet hier Geschichte. Und die Mitarbeiterinnen, mit denen ich unterwegs bin, erzählen aus ihren Lebensgeschichten. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben ist auch bei ihnen Thema, aber eines, das sie scheinbar gut für sich gelöst haben. Das ist in Indien nicht selbstverständlich. Laut Kelly Global Workforce Index geben indische Frauen häufig in der Mitte ihrer Laufbahn ihren Beruf auf wegen der Doppelbelastung. Denn sowohl Männer als auch Frauen sehen Familie und Haushalt vor allem als Frauensache an.

Bei der Besichtigung des Qutb-Minar-Areals besprechen wir auch Persönliches. (Foto: Kindernothilfe Indien)
Die indischen Frauen haben hohe Ziele

Ich höre bei unseren Mitarbeiterinnen anderes. „25 Jahre lang ist mein Mann mir bei allen Umzügen gefolgt“, erzählt eine Kollegin. Bei jeder neuen Aufgabe, die sie übernommen habe, sei er mit ihr gezogen, quer durch Indien, für drei Jahre auch nach Australien. Das, betont sie, war für sie und ihre Tochter die Zeit der größten Freiheit. Sie konnte anziehen, was sie wollte, konnte arbeiten, auch abends als Frau allein in ein Konzert gehen und erst nach Mitternacht heimkommen. In Indien hätte sie das nicht gewagt. Ihre Tochter wolle nach ihrem Studienabschluss wieder nach Australien zurück, was sie als Mutter verstehen könne. Ihr Mann dagegen ist auf dem fremden Kontinent nicht wirklich heimisch geworden. Er genießt es, jetzt wieder in Indien zu leben. Aber erst jetzt, nach seiner Rückkehr, nehme er die vielen auch beengenden Traditionen und Konventionen sehr viel bewusster wahr und verstehe, was seiner Frau in der Fremde so gefallen hat.

Frauen mit hohen beruflichen Zielen, wie diese Kollegin, sie sind in Indien noch nicht selbstverständlich. In einigen Bereichen sieht es für Frauen zwar durchaus gut aus: Fast 12 Prozent der Piloten in Indien sind Frauen (nicht nur am Weltfrauentag), während es weltweit nur drei Prozent sind. Auch an der Spitze der wichtigsten privaten und öffentlichen Banken Indiens stehen Frauen. In Wissenschaft und Technik, Ingenieurwesen und Mathematik beschäftigen indische Firmen mehr Frauen als US-amerikanische Unternehmen.

Allerdings weist die internationale Arbeitsorganisation ILO darauf hin, dass die indische Frauenerwerbsquote (von 100 Prozent aller Frauen gibt er den Prozentsatz an Frauen an, die einer bezahlten Arbeit nachgehen oder bezahlte Arbeit suchen) eine der niedrigsten weltweit ist. Nur Pakistan und Afghanistan liegen in Südasien noch hinter Indien.

Es ist spät, als wir uns voneinander verabschieden. Vor den meisten liegt noch eine staureiche Autofahrt oder eine Stunde mit der Metro bis sie bei ihrer Familie sind. Auf mich wartet im Hotel heute nur noch die Aircondition.

Autor: Katrin Weidemann

2 Kommentare

  1. Margit Grampp

    Bin begeistert!Herzlichen Glückwunsch und alles Gute. Ich habe selbst 15 Jahre in Varanasi-India als „Krankenschwester, Sozialarbeiter etc. Gearbeitet. Alles Liebe und Gute.

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