Norbert Lammert: „Wie gefährdet ist unsere Demokratie?“

„Angst essen Seele auf – wie gefährdet ist unsere Demokratie?“: Das Thema der Kanzelrede von Bundestagspräsident Norbert Lammert am vergangenen Sonntag in der Duisburger Salvatorkirche war brandaktuell. Sein Fazit: Die aktuellen Herausforderungen können wir nur gemeinsam lösen – und nicht durch den „Rückzug in nationale Schrebergärten“.

Seine Rede vor der Bundesversammlung bei der Wahl des Bundespräsidenten hatte erst kürzlich viele Menschen in Deutschland beeindruckt. Nur wenige Tage später höre ich den protokollarisch zweiten Mann im Staat jetzt mitten in Duisburg. Als Kanzelredner spricht Bundestagspräsident Professor Dr. Norbert Lammert in der Salvatorkirche über Demokratie.

Die Kirche ist schon weit vor Beginn des Gottesdienstes überfüllt. „Es ist wie Heiligabend“ freut sich Superintendent Armin Schneider bei seiner Begrüßung, „obwohl nicht das Christkind zu Gast ist.“ Der prominente Gast zitiert dennoch, als er später auf die Kanzel tritt, als Erstes Worte aus der biblischen Weihnachtsgeschichte. „Fürchtet euch nicht“, ruft er mir und den gut 700 Gottesdienstbesuchern den Satz der Engel von den Feldern Bethlehems zu. Und dann wird er deutlich.

Angst essen Seele auf

Es seien reale Bedrängungen, die viele Menschen aktuell beängstigen: Terrorismus, Migration, Rechtspopulismus, die politisch instabiler gewordene Lage in Europa und der Welt. Ausführlich schildert er die Ängste und Unsicherheiten, die in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung vorherrschen. 70 Prozent der Deutschen, höre ich, würden die Möglichkeit einkalkulieren, Opfer eines Terroranschlags zu werden. Jeder siebte fühle sich bedroht.

Gleichzeitig – und hier staune ich – machten sich aber 94 Prozent der Bürger keinerlei Sorge um ihren Arbeitsplatz und seien mit ihrer persönlichen wirtschaftlichen Situation sehr zufrieden. Nur jeder zehnte Deutsche erwarte eine Verschlechterung seiner Situation, aber jeder vierte eine Verbesserung.

Es klingt wie ein Widerspruch: Auch wenn die meisten ihre ganz persönliche Situation ausgesprochen positiv sehen, trübe sich das Bild sofort ein, wenn der Blick auf die allgemeine Entwicklung in Deutschland, in Europa oder der Welt gehe.

Demokratie als Thema der Kanzelrede: Prof. Dr. Norbert Lammert am 19.02.2017 zu Gast in der Salvatorkirche, hier zusammen mit Pfarrer Armin Schneider, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Duisburg
Prof. Dr. Norbert Lammert am 19.02.2017 zu Gast in der Salvatorkirche, hier zusammen mit Pfarrer Armin Schneider, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Duisburg
Wie gefährdet ist unsere Demokratie?

Ob diese Ängste und Emotionen unsere Demokratie gefährden? Dieser Frage stellt Lammert ein Zitat aus Barak Obamas Abschiedsrede als Präsident gegenüber: „Unsere Demokratie ist in Gefahr, wenn wir sie als selbstverständlich erachten.“ Ja, denke ich mir. Demokratie fällt und steht mit dem Engagement ihrer Bürger. Oder mit Roman Herzog gesprochen: „Es gibt viele demokratische Tugenden. Bequemlichkeit gehört nicht dazu.“

Wir haben es selbst in der Hand, Demokratie zu leben, zu schützen, in Wahlen zu gestalten. Wohl niemals in der deutschen Geschichte gab es einen Zeitraum, wo wir bessere Möglichkeiten gehabt hätten, Probleme zu lösen – da bin ich ganz bei dem Kanzelredner.

Und mit voller Überzeugung stimme ich ihm zu, dass in Zeiten von Globalisierung wir alle großen Aufgaben nur gemeinsam lösen können, ob Klimaerwärmung oder Migrationsbewegungen. Das ist genau der Ansatz, den die SDGs, die nachhaltigen Entwicklungsziele der UN, verfolgen: dass Globale Fragen nur in der gemeinsamen Anstrengung von Staaten des globalen Nordens und Südens beantwortet werden können.

Fürchtet euch nicht

„Der Rückzug in nationale Schrebergärten des 19. Jahrhunderts löst nicht die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“, dieses Bild des Bundestagspräsidenten nehme ich mit nach Hause. Und seinen abschließenden Verweis auf die Bibel. An 365 Stellen finde sich dort die Zusage „Fürchtet euch nicht!“. Eine gute Empfehlung für jeden einzelnen Tag des Jahres.

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Autor: Katrin Weidemann

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