Philippinen: Eine starke Community

Allein haben Kinder in den Elendsvierteln von Manila keine Chance. Schutz in dem Chaos aus Patchworkhäusern und Hinterhöfen bieten nachbarschaftliche Netzwerke. Wie so eine Community funktioniert, erfahre ich von Lina.

Wir sind unterwegs in einem der Elendsviertel Manilas. Community Worker unserer Partnerorganisation Kaibigan kümmern sich hier um Kinder aus sozial extrem schwachen Familien. Viele von ihnen arbeiten tagsüber auf den Straßen Manilas, verkaufen Zeitungen, Süßigkeiten und Zigaretten. Im schlimmsten Fall sogar sich selbst. Unicef schätzt, dass sich mehr als 20.000 philippinische Kinder prostituieren.

Community Worker als Lotsen

Susan, die Direktorin unserer Partnerorganisation, führt uns durch das Gewirr von bunt übereinander gestapelten Häusern. Es sind oft nur Bretterbuden, die sich auf abenteuerliche Weise gegenseitig stützen. Über unseren Köpfen hängen dicke Kabelstränge. Alle paar Meter verknäueln sie sich zu meterdicken Knoten, aus denen heraus sich einzelne Stromleitungen in die umliegenden Häuser schlängeln.  „Octopussing“ nennt Susan diese inoffiziellen Verteilerpunkte lachend.

Keine Straße in den Elendsvierteln von Manila ohne das "Octopussing" von Stromleitungen, sagt Community Workerin Susan
Keine Straße in den Elendsvierteln von Manila ohne das „Octopussing“ von Stromleitungen

Die Community Worker unseres Partners sind täglich auf den Straßen der Slumgebiete unterwegs und besuchen die Bewohner auch zu Hause. Sie kennen die mangelnden hygienischen Verhältnisse, die hier herrschen, die Bedrohungen und Gefahren von Gewalt, Drogen und Missbrauch, denen die Kinder ausgesetzt sind. Sie verstehen die Nöte, beraten, verweisen an bestehende Förderangebote und organisieren individuelle Unterstützung.

Manila: Treffen mit Community Workern unserer Partnerorganisation Kaibigan
Treffen mit Community Workern unserer Partnerorganisation Kaibigan
Anatomie des Überlebens

Lina erwartet uns am Eingang zu einem winzigen Hinterhof. Die alleinerziehende Mutter von vier Kindern engagiert sich in einem „urban gardening“-Projekt – eine effektive Möglichkeit zur gesunden Ernährung in der Großstadt. Jetzt nimmt sie uns mit in ihr Zuhause in das dritte „Stockwerk“ eines schmalen Patchworkhauses. Ganz unten im Erdgeschoss wohnt ihre Vermieterin. Sie bekam vor Jahren das Grundstück von der Kommune zur Verfügung gestellt und hat dort eine Zweiraum-Hütte errichtet. Auf die hat sie im Lauf der Zeit immer weitere Räume aufgestockt, ein kühner Mix aus Pressspanplatten, Bambusrohren und Canvasplanen. Für die Bewohner von Haustürmen wie diesem gilt: „Je höher, desto ärmer“.

Schwitzend tasten wir uns durch das Halbdunkel. Den ersten Stock erreichen wir noch über ein paar gemauerte Stufen, danach geht es nur noch über steile Stiegen und schmale Bambusleitern weiter. Das Zimmer von Lina und ihren Kindern misst circa 15 Quadratmeter. In einer Ecke des niedrigen Verschlags toben zwei Jungs auf einer Matratze und verstecken sich lachend unter einer Decke, als wir schnaufend durch die Dachluke einsteigen. Weil der Regen die Straßen der Stadt überflutet hat, wurde die Schule für zwei Tage abgesagt, deshalb sind der Acht- und der Zehnjährige heute daheim. Dass sie überhaupt zur Schule gehen können, verdanken sie einem Grundschul-Stipendium unserer Partnerorganisation. Ihren Lebensunterhalt verdient Lina durch den Verkauf von Keksen, die im Projekt en gros eingekauft und dann an mobilen Straßenständen weiterverkauft werden.

„Wir passen in der Community aufeinander auf", sagt Lina. Das ist wichtig, wenn man mit seinen Kindern in einem Slum in Manila lebt…
„Wir passen in der Community aufeinander auf“, sagt Lina. Das ist wichtig, wenn man mit seinen Kindern in einem Slum in Manila lebt…
„Wir passen in der Community aufeinander auf“

Vor zwei Jahren kam sie erstmals in Kontakt mit den Community Workern. „Seitdem hat sich vieles in meinem Leben verändert.“ erzählt sie.  „Ich verdiene eigenes Geld, mit dem ich planen kann. Meine Jungs sind gesund und gehen zur Schule. Und  – das ist besonders wichtig – wir passen in der Community aufeinander auf“. Der Gemeindevorstand, bei dem wir uns kurz vorstellen, wird das später bestätigen. Das Aufeinander-Achten in der Nachbarschaft hat deutlich zugenommen, das erkennt auch die Stadtverwaltung. So unterstützt die Kommune das Projekt mit großer Bereitschaft.

Bevor wir wieder die steilen Stiegen aus Linas Zuhause runterklettern, werfe ich noch einen Blick auf ihre Besitztümer  – und entdecke Erstaunliches. Zwischen den sorgfältig an eine Bretterwand gehängten Küchenutensilien und den bunten T-Shirts, die an einem Seil vor dem Fenster baumeln, steht auf einem schmalen Regalbrett ein kleines Aquarium mit Goldfischen. Die schwimmen munter herum, augenscheinlich werden sie auch gefüttert. Es hat etwas Rührendes, in dieser schlichten Behausung, in der sich nur das Allernötigste für fünf Personen befindet, die Fürsorge für Haustiere zu erleben. Ja, in dieser Community wird aufeinander geachtet, besonders auf die Kleinen.

"Urban Gardening" – eine effektive Möglichkeit der Community zur gesunden Ernährung in der Großstadt
„Urban Gardening“ – eine effektive Möglichkeit zur gesunden Ernährung in der Großstadt

Schlagwörter: , ,

Autor: Katrin Weidemann

2 Kommentare

  1. Thomas Grund

    Ein Klasse Bericht 🙂
    ich ziehe meinen Hut vor den Menschen die unter solchen Bedingungen , jeden Tag versuchen das Beste aus ihrem Leben zu machen und vor denen die sich für diese Menschen einsetzen

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.